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  • Elisabeth L. Weninger

Artikel: Faszien im Tanz

Faszien im Tanz

Wie können wir uns unsere Faszien vorstellen?

Die Faszien sind unser Bindegewebe, einfach gesagt „das Weiße vom Fleisch“. Bis vor gar nicht langer Zeit betrachtete man diese zähen Häute lediglich als „Verpackungsmaterial“ für Muskeln und Organe. Sie wurden wegseziert, um „zum eigentlichen Kern“ zu kommen, bei Operationen achtlos zerschnitten oder entfernt. Erst mit den rasant fortschreitenden Technologien bei Operationen (Mikrokamera) und Diagnoseverfahren (hoch auflösender Ultraschall) entdeckte man erstaunliche Bewegungen und Veränderungen im lebenden faszialen Gewebe. Und man begann zu forschen. Die Faszienforschung ist also noch sehr jung. 2007 fand der First International Fascia Research Congress in Boston statt, wo man Forschungsergebnisse und Forschungsfragen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten erstmals zusammentrug. Kein Wunder, dass die erstaunlichen Entdeckungen den derzeitigen Hype im Gesundheitsbereich, in Sport, Training, Bewegung, Yoga, Tanz usf. auslösten. 2007 in Boston einigte man sich auf eine neue und umfassende Definition der Faszien:

Zu den Faszien werden alle kollagenen und elastisch-faserigen Bindegewebe gezählt.

Körper- und Muskel-Faszien

— Die große äußere Körperhülle (unter der Haut)

— Muskelfaszien (die Muskeln umhüllend und durchziehend), Septen und Aponeurosen (Muskel-Sehnenplatten)

— Bänder, Sehnen, Gelenkkapseln, Knochenhaut

Die Muskelfaszien umhüllen und durchziehen jeden Muskel, jedes Muskelbündel, jede Muskelfaser. Sie gehen fließend in Sehnen, Bänder, Gelenkkapseln, Knochenhaut und benachbarte Muskelfaszien über.

Organ-Faszien

— Hüllen der Körperräume (Bauchfell, Rippenfell) und Diaphragmen

— Organfaszien (z.B. Herzbeutel, alle Organhüllen, Verbindungshäute von Magen und Darm) und ihre Bänder

Die Organfaszien umhüllen in mehren Schichten die Organe; über Bänder sind sie untereinander und mit faszialen Strukturen der Wirbelsäule verbunden.

Gefäß- und neurale Hüllen, Anteile der Wirbelsäulenstruktur

— Bänder der Wirbelsäule + Umhüllung der autochthonen Rückenmuskulatur

— Gehirn- und Rückenmarkhäute, inkl. Umhüllung der austretenden Nerven

— Nerven- und Gefäßhüllen

Nerven, Blutgefäße und Lymphbahnen durchziehen alle Faszienstrukturen.

Letztendlich sind ALLE faszialen Strukturen miteinander verbunden und bilden ein durchgängiges dreidimensionales und komplexes Hüllen-Netz durch den gesamten Körper.

Würde man alle Knochen, Muskeln, Organe und Gefäße herauslösen, bliebe ein einziges Netzwerk – die Faszien – übrig. Und jetzt wird es spannend: Würde man dieses Netzwerk mit Luft füllen, wäre der betreffende Mensch in seiner Körperform und habituellen Haltung zu erkennen! Es ist also die Faszienstruktur, die als Form gebendes Organ unsere Körperform definiert – folglich auch verändern kann.

Werfen wir nun einen Blick auf die mikroskopische Struktur. Wir halten uns wieder eine dünne weiße Haut (eines Stück Fleisches) vor Augen - besser noch: eine Mikrokamera, wie sie bei Operationen benutzt wird, fährt unter die Haut. Was wir nun sehen, ist eine netzartige, faserige Struktur. Die Faszienzellen bauen diese elastischen und kollagenen Fasern. Stellen wir uns ein dreidimensionales Obstnetz vor. Allerdings haben diese Fasern - -im gesunden Zustand - keine fixen Anhaftungspunkte, sondern gleiten ständig aneinander, verändern sich stetig in Länge und Stärke. Ein Netz bietet nun viel Zwischenraum. Dieser ist gefüllt mit Wasser – Hyaluronsäure, Gasen, Glukose, Proteinen, Vitaminen, Hormonen, Ionen u.a.m. Dass die Faszien im Wesentlichen aus Fasern und Wasser (zu 90%) bestehen, zeigt uns, dass die Faszien nicht nur als formgebendes Verpackungsmaterial fungieren, sondern die wesentliche Funktion einer Gleitschicht erfüllen. Sie sind dafür verantwortlich, dass Muskeln, Muskelbündel, Haut und Muskeln, Organe, Gefäße im Idealfall reibungslos aneinander frei gleitend in Bewegung sein können. Ist das nicht ein wunderbarer Tanz jeder einzelnen Faszienfaser, eine ständige Kontaktimprovisation von Muskeln, Organen, Gefäßen und Haut – bei jeder Bewegung! Faszien im Tanz!

Einleitend nur so viel zu einem großen und komplexen Thema, um annähernd ein Bild zu entwerfen. Da ich in diesem Artikel nicht in die Tiefe gehen kann, möchte ich im folgenden Verlauf einige Tatsachen erwähnen, ohne die anatomischen Hintergründe weiter auszuführen. Zur Vertiefung sei die angefügte Literaturliste empfohlen.

Meine Arbeit FASZIEN.imTANZ®

Ich bin von der Frage ausgegangen: Wie kann Bewegungs-/Tanzpädagogik nachhaltig wirken? Wie kann sich Bewegung – mit ökonomischem Ziel – nachhaltig verändern und manifestieren?

Nun: wenn das fasziale Netz den gesamten Körper durchzieht und ein Ganzes ist,

- wenn die Faszien das Organ unserer Form sind und die Körperhaltung nachhaltig formen,

- wenn es die Faszien sind, die Schub, Druck, Zug und Kraft übertragen,

- wenn sich die Faszienstruktur im Grade seiner Festigkeit und Zugrichtung mit der frühkindlichen Bewegungsentwicklung erst gestaltet,

- wenn das fasziale System wesentlich zu einer reflektorischen Aufrichtung beiträgt,

- wenn die Faszien das Organ unserer Körperwahrnehmung sind,

- wenn das Fasziensystem als Organ der Kommunikation Schnittstelle zu allen anderen Systemen darstellt,

- wenn die faszialen Strukturen Schnittstellen zwischen bewusster und unbewusster Wahrnehmung, zwischen motorischem und autonomem Nervensystem sind,

- wenn sich der Atem direkt auf die Pulsationsmuster im faszialen Gewebe übertragen,

- wenn emotionale Erinnerungen durchaus ebenso auf faszialer Ebene gespeichert werden,

ð dann muss eine effektive und nachhaltige Bewegungsbildung unbedingt die Faszien ansprechen.

Wie werden die Faszien im Speziellen erreicht? Sie sind doch im Grunde sowieso bei jeder Bewegung „dabei“. Mir kam der Gedanke, die grundlegenden „Eigenschaften“, die Wesensmerkmale der Faszien aufzugreifen und sie zum einen mit (tänzerischen) Bewegungsprinzipien zu verknüpfen. Zum anderen bin ich überzeugt, dass das fasziale System vor allem über die Körperwahrnehmung, über die Atmung, über die Verknüpfung bewusster und unbewusster Erfahrung und über die Reaktivierung basaler Atem-Bewegungsreflexe, sowie frühkindlicher Bewegungsmuster angesprochen wird. Auf mechanischem Wege sind fasziale Strukturen bestens durch Bewegungen bedient, die jeweils den gesamten Körper, zumindest in seiner Präsenz, miteinbeziehen. Im Besonderen sind dies spiralige, schwingende oder federnde Bewegungen, Druck- Schub- und Zugpositionen, Bewegungen mit präsentem Kraftaufwand oder einem Feeling von Gelqualität, oder Dehnungen entlang der muskulär-faszialen Funktionsketten (Myers, Anatomy Trains). Wesentlich dabei ist immer eine mentale Aufmerksamkeit.

Im Grunde ist mein Zugang eine sogenannte Body-Mind-Arbeit mit Fokus auf das fasziale System.

In meinen Seminaren vermittle ich auch anatomisches Wissen. Mit diesem Wissen kann sich Körperwahrnehmung konkretisieren, lokalisieren, verfeinern, vertiefen. Die Teilnehmenden explorieren, ausgehend von ihrer Wahrnehmung, improvisieren in Bewegung, integrieren ihre Erfahrungen im Tanz. Zur Wahrnehmungsvertiefung dienen Einzel-, Partner- oder Kleingruppen-Übungen. Als wesentliches Element vervollständigen verbale Reflexion und Austausch die Integration des Erlebten. Die Erfahrungen können in Beziehung gesetzt und eingeordnet werden. Wir erforschen die Faszien im Tanz.

In meinen Seminaren möchte ich,

- dir die faszinierende Welt der Faszien erschließen und näher bringen

- dir zeigen, wie du Zugang zu den Faszien findest und sie geschmeidig halten kannst

- dich erfahren zu lassen, wie Wahrnehmung und Bewusstheit deine Bewegungsökonomie verbessern

- dich erfahren lassen, dass Körperempfinden und Identitätsempfinden oftmals in direktem Zusammenhang stehen und somit eine erweiterte und vertiefte Körperwahrnehmung zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt,

- dir Freude an einem befreiten Tanzen schenken!

Ich wünsche Dir von Herzen, dass

- du dein volles Potential entfalten kannst

- du die Geheimnisse deines Körpers entdeckst

- du bei dir selbst ankommst

- du deine Persönlichkeit immer weiter entwickeln kannst

- du zu deiner inneren Freiheit findest! Elisabeth L. Weninger, Salzburg Feb.2020

Literatur: Th. W. Myers (2010), Anatomy Trains / R. Schleip et al. (2014), Lehrbuch Faszien / A. Strunk (2013), Fasziale Osteopathie; ausführliche Literaturliste auf meiner Webseite www.faszien.im.tanz.com

Erste Veröffentlichung: https://www.choretaki.com/blogs/elisabeth-l-weninger/2020-02-24-faszien-im-tanz

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